Von sauerstofffressenden Milchsäurebakterien

In der letzten Elite (Heft 4 / 2015) stand es schwarz auf weiß. Es gibt jetzt ein Siliermittel, dass Sauerstoff frisst. Um diese These zu unterstützen, wird die folgende Grafik gezeigt.

Während nach Zusatz von einem L. buchneri sich der Sauerstoffgehalt im Untersuchungszeitraum von 8 Stunden nahezu nicht veränderte, wird er bei diesem neuartigen L. lactis nach 6 Stunden komplett verbraucht.

Ist das möglich?

Zu Beginn der Silierung wird in jeder Silage der im Silo verbliebene Restsauerstoff von aeroben Mikroorganismen (Bakterien, Hefen und Schimmelpilze) veratmet. Dabei entsteht Kohlendioxid und Wasser. Im begrenzten Umfang findet auch noch eine Restatmung von Pflanzenzellen statt. Ist der Restsauerstoff verbraucht, sterben aerobe Mikroorganismen und Pflanzenzellen ab. Der Zellsaft tritt aus und der Futterstock sackt dichter zusammen. In einem gut verdichteten und luftdicht zugedeckten Silo dauert diese Phase nur wenige Stunden. Das gebildete Kohlendioxid wird in der Miete eingestaut und es bildet sich die sogenannte Gärgashaube. Mangelhafter Luftabschluss (z.B. durch zu späte Zudeckung) verlängert diese Phase, so dass der an den Sauerstoff gebundene Stoffabbau später oder gar nicht zum Stillstand kommt.

Verändert sich der Sauerstoffgehalt jedoch in diesen wenigen Stunden nicht (vgl. Grafik), gibt es nur zwei mögliche Erklärungen:

  • a) Es finden keinerlei Atmungsprozesse statt (Verbrauch von Sauerstoff unter Bildung von Kohlendioxid). Die Silage ist „klinisch“ tot und enthält keine lebensfähigen aeroben Mikroorganismen. Auch die Pflanzenzellen selbst sind bereits abgestorben.
  • b) Die Silage ist nicht luftdicht zugedeckt und es wurden somit keine anaeroben Verhältnisse erreicht. Es findet ein kontinuierlicher Gasaustausch mit der Umwelt statt. Der Sauerstoffgehalt bleibt unverändert hoch, da das gebildete Kohlendioxid frei abfließen kann.

Welche dieser beiden potentiellen Erklärungen für die in der Grafik dargestellten Ergebnisse in Frage kommt, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Außerdem findet unter Praxisbedingungen immer eine Mischgärung statt. Durch den gezielten Einsatz bestimmter Milchsäurebakterien können wir diese nur in eine bestimmte Richtung lenken. Aus diesem Grund ist auch davon auszugehen, dass sich der in der Grafik beschriebene Effekt unter Praxisbedingungen nicht reproduzieren lässt.

Abschließend verbleibt noch die Frage, ob Milchsäurebakterien Sauerstoff veratmen können. Milchsäurebakterien sind fakultativ anaerobe Mikroorganismen. Das bedeutet, dass sie nie Sauerstoff für ihren Stoffwechsel brauchen. Geringe Mengen an Sauerstoff werden aber auch toleriert. Ihre Energie gewinnen sie durch Gärung und nicht durch Atmung. Das gilt auch für L. lactis, einem strikten Homofermenter. Sollte er trotzdem in der Lage sein, Sauerstoff zu verbrauchen, müsste er dann nicht bereits auf den Pflanzen im Feld Milchsäure bilden?

Im Vergleich zu L. lactis bildet L. buchneri als Heterofermenter immer einen gewissen Anteil an Kohlendioxid, was eine Verschiebung im Verhältnis beider Gase (Sauerstoff / Kohlendioxid) zur Folge haben sollte. Auch diese Frage bleibt in der Ergebnisbeschreibung offen.

Versuchsanstellung und Ergebnisse dieser sogenannte Neuentwicklung sind also kritisch zu hinterfragen. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass Milchsäurebakterien Sauerstoff nicht verwerten können. Unser Tipp deshalb für Sie:

1. Egal was Ihnen präsentiert wird – Hinterfragen Sie die Darstellung und lassen Sie sich die Versuchsergebnisse gegebenenfalls zeigen!

2. Sehen Sie sich die Darstellungen genau an!

3. Behalten Sie die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Silagebereitung immer im Hinterkopf!


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